"Die Demokratie ist der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten."
In Köln wurde vorgestern Richtfest für Deutschlands größte Moschee gefeiert. Welcher Geist in dem Gebäude herrschen wird, bestimmt die Ditib - ein verlängerter Arm des türkischen Staates.
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Wie die Knospe einer Tulpe, die sich im Frühling aus den Kelchblättern hervorwagt, wirkt der Kern aus hellgrauem Beton. An der Inneren Kanalstraße in Köln-Ehrenfeld, wo früher ein flaches Fabrikgebäude stand, wächst die Kuppel der künftig größten deutschen Moschee empor. Im Inneren der Kuppel, die der Architekt und Kirchenbaumeister Paul Böhm geplant hat, steht ein riesiges Baugerüst. Die beiden Minarette haben bereits ihre Höhe; 55 Meter hoch ragen sie in den Himmel der Domstadt.
Neben Gebetsräumen für 1200 Menschen wird der Gebäudekomplex auch Büros, eine Bibliothek, Seminarräume, eine Tiefgarage sowie Flächen für Läden umfassen. Nach gut eineinviertel Jahren Bauzeit feiert die türkisch-islamische Ditib, der Bauherr des 32 Millionen Euro teuren Projekts, an diesem Mittwoch Richtfest.
Die neue Zentralmoschee am Hauptsitz der Organisation ist allerdings nicht das einzige größere Immobilienprojekt, das die Ditib derzeit plant. Ihr stellvertretender Vorsitzender, der Professor für islamische Theologie Ali Dere, will eine Ditib-eigene Akademie für Imame einrichten. Derzeit ist er in Nordrhein-Westfalen auf der Suche nach einer verkehrsgünstig gelegenen Immobilie. Nach dem Vorbild der katholischen und evangelischen Akademien soll die Einrichtung auch ein Gästehaus haben, in dem Seminarteilnehmer übernachten können. Dere, der selbst bis 2003 als Professor an der islamisch-theologischen Fakultät der Universität in Ankara Hadith-Wissenschaften gelehrt hat, möchte dort künftige Ditib-Imame auf den Gemeindedienst vorbereiten und ehrenamtliche Mitarbeiter fortbilden.
Radikalisierungstendenzen entgegenwirken:
Diese Pläne könnten allerdings in Konflikt geraten mit den Fakultäten für „Islamische Studien“, die derzeit an verschiedenen Orten in Deutschland mit Bundeszuschüssen entstehen. Deren Absolventen, so will es die Politik, sollen eines Tages sowohl als Religionslehrer an staatlichen Schulen als auch als Imame bei Moscheevereinen tätig sein. Die Idee dazu stammt unter anderem vom früheren Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU). Sein Ziel war auch ein sicherheitspolitisches: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sollten an deutschen Universitäten ausgebildete Imame und Religionslehrer Radikalisierungstendenzen entgegenwirken. Islamische Religionslehrer an staatlichen Schulen und Imame mit wissenschaftlicher Ausbildung an einer deutschen Hochschule sollen jugendliche wie erwachsene Gläubige immun machen gegen den Islamismus. Diese Agenda führt Wissenschaftsministerin Schavan zusammen mit Innenminister de Maizière (beide CDU) fort.
Die Ditib ist freilich keine fundamentalistische Gruppierung. Sie wurde Anfang der achtziger Jahre vom türkischen Staat gegründet. Zum einen sollte sie die religiöse Betreuung der Gastarbeiter in Deutschland sichern. Man wollte dieses Thema nicht Vereinen überlassen, die Oppositionsparteien nahestanden und auf die die Religionsbehörde keinen Einfluss hätte. Zum anderen hatte die Ditib, in deren Kölner Zentrale wie auch in den Amtsstuben in der Türkei hinter beinahe jedem Schreibtisch ein Porträt Kemal Atatürks hängt, den impliziten Auftrag, dafür zu sorgen, dass die Auswanderer ihrer Heimat nicht verlorengehen. Formal ist die Organisation ein Verein, faktisch aber der verlängerte Arm des türkischen Amts für religiöse Angelegenheiten (Diyanet): Die Imame werden von dort bezahlt; der Vorsitzende des Vereins war bisher immer ein türkischer Diplomat. Mit etwa 850 Moscheegemeinden, von denen viele mittlerweile die Fabrikhallen und Hinterhöfe verlassen haben und in stattliche Neubauten umgezogen sind, unterhält sie 40 Prozent der muslimischen Gebetshäuser in Deutschland.
Nicht dazu bekannt, dass sie die Absolventen eines Tages auch einstellen wird:
Öfter schon wurden Zweifel laut, ob die Ditib, die Statthalterin des sunnitisch-türkischen Staatsislams in Deutschland, die Errichtung der Studiengänge für islamische Religionspädagogik überhaupt unterstützt – schließlich mindern sie den Einfluss der Türkei. In ihren offiziellen Verlautbarungen befürwortet die Organisation die neuen Studiengänge. Sie will auch in den Beiräten mitwirken, die an den Fakultäten gegründet werden und die über die Besetzung der Professorenstellen wie über die Studieninhalte mitbestimmen. Bisher hat sie sich jedoch nicht dazu bekannt, dass sie die Absolventen eines Tages auch einstellen wird. „Wenn die Ditib das nicht tut, dann ist die Frage, warum sie in diese Gremien will“, kritisiert Bülent Ucar, Professor für islamische Religionspädagogik in Osnabrück. „Wir können natürlich keine pauschalen Zusagen zur Übernahme der Absolventen machen“, entgegnet Dere, der von 2003 bis 2010 als Leiter der Abteilung für Außenbeziehungen des Diyanet die Imame ausgewählt hat, die nach Deutschland geschickt wurden.
Ist der Plan der Ditib, eine eigene Ausbildungsstätte zu gründen, Ausdruck des Misstrauens gegenüber den staatlichen Ausbildungsgängen? „Nein“, sagt Ali Dere. „Wir wollen nichts anderes als die christlichen Kirchen, die ja auch die Absolventen eines Theologiestudiums nicht gleich als Pfarrer einstellen, sondern sie im Vikariat oder im Priesterseminar erst auf ihren Beruf vorbereiten.“ Tatsächlich kann man berufspraktische Fähigkeiten wie Predigtgestaltung oder Gemeindeleitung an den Hochschulen gar nicht lernen. Dennoch sähe eine vertrauensvolle Unterstützung der neuen staatlichen Ausbildungsgänge wohl anders aus.
Dere möchte auch erreichen, dass die islamischen Verbände den Religionslehrern, die an staatlichen Schulen tätig werden wollen, zunächst eine Lehrerlaubnis erteilen müssen – auch da dienen ihm die Kirchen mit der „Missio canonica“ oder „Vocatio“ als Vorbild. Die frühere Kölner SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün meint, hinter den Plänen der Ditib für eine eigene Akademie stecke „die Absicht, den Theologie-Absolventen die eigene Interpretation des Islams zu vermitteln und so ihren Einfluss auf die eingewanderte Bevölkerung sicherzustellen“. Diese Landsleute sind dem türkischen Staat alles andere als egal: Für die fünf Millionen Türken im europäischen Ausland hat die AKP-Regierung im vergangenen Jahr sogar ein eigenes Ministerium gegründet; Faruk Celik, Minister für die im Ausland lebenden Türken, war erst vor zehn Tagen zu Gesprächen in Deutschland.
Oft schon mit ihrer eigenen Integration überfordert:
Was wäre schlimm daran, wenn die Ditib die Absolventen der staatlichen Fakultäten in einer eigenen Akademie „nachschulen“ würde? Bundesforschungsministerin Annette Schavan, deren Haus die beiden Standorte Münster/Osnabrück und Tübingen für die nächsten fünf Jahre mit je vier Millionen Euro fördert und in Aussicht stellt, zwei weitere Standorte zu bezuschussen, findet nichts dabei: „Wir verstehen das nicht als Konkurrenz, sondern als gute Ergänzung zu den Islamischen Studien“, sagt sie. Bis die ersten Studenten ihre Abschlüsse erreichten, vergingen ohnehin noch einige Jahre, so dass wenigstens für die Zwischenzeit Angebote für die Fortbildung bereits hier arbeitender Imame sinnvoll seien.
Ein Fortbildungsangebot für bereits in Deutschland tätige Imame existiert jedoch schon: Seit Oktober 2010 werden an der Universität Osnabrück 30 Mitarbeiter muslimischer Gemeinden fortgebildet. Rauf Ceylan, Professor für islamische Religionspädagogik in Osnabrück, hatte zuvor im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung türkische Prediger auf ihren Dienst in Deutschland vorbereitet. In seinem im Sommer 2010 erschienenen Buch „Die Prediger des Islams“ beschreibt er deren Schwierigkeiten – zum Beispiel ihre oftmals nur rudimentären Deutschkenntnisse. Dere muss das Buch als Kritik an seiner Arbeit verstanden haben – jedenfalls meiden nach Ceylans Beobachtung seither Ditib-nahe Studenten den Standort Osnabrück.
Imame, die aus der Türkei stammen, sind oft schon mit ihrer eigenen Integration überfordert, meint Ceylan. Weder könnten sie in den Dialog mit Kommunalpolitikern oder Repräsentanten der Kirchen treten noch den Gemeindemitgliedern in Integrationsfragen zur Seite stehen. Auch kritisiert er, dass die Imame anlässlich der türkischen Nationalfeiertage in den Moscheen in Deutschland den Sieg der Türken in Gallipoli im Ersten Weltkrieg gegen Australier und Briten feiern oder Kemal Atatürk anlässlich seines Todestages huldigen. Statt die Religion in den Vordergrund zu stellen, werde so die Geschichtspolitik des Herkunftslandes betrieben. {Quelle: www.faz.net - Von Uta Rasche}




